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politblog

Donnerstag, 13. Dezember 2007

In eigener Sache: Politblog und der Ron Paul Hype

Wie einige meiner Leser wissen, schrieb ich einige Monate im politblog. Wer meine Artikel in einer Übersicht haben möchte, findet sie hier.
http://del.icio.us/nemetico/nemetico_in_politblog
Im Sommer diesen Jahres wurden mir allerdings plötzlich die Veröffentlichungsrechte entzogen, was mit organisatorisch-redaktionellen Dingen begründet wurde. Eine gewisse Zeit konnte ich aus beruflichen Gründen auch nur wenig schreiben, meldete mich aber jedenfalls bei pony_huetchen zurück und schrieb auch noch einige Artikel. Im Zusammenhang mit der us-amerikanischen Affäre wegen einer Armenien – Resolution tauchten zudem aber auch noch politische Konflikte auf. So widersprach ich entschieden einer seltsamen Deutung, wonach die kurdisch-nationalistische PKK (Kongra – gel) von US – Geheimdiensten „gelenkt“ sei. Ein von mir selbst verfaßter Artikel zur Kurdenfrage erschien nie, dafür einer von pony_huetchen, den ich in mehreren Kommentaren kritisch zu ergänzen versuchte.
http://politblog.net/nachrichten/2007/10/25/1701-tuerkische-angriffe-im-nordirak-wird-der-brandherd-aus-deutschland-gesteuert/

Damals beschlich mich zum ersten Male das Gefühl, dass der Entzug der Veröffentlichungsrechte etwas mit meinen politischen Positionen zu tun haben könnte. Schließlich hatte ich in meinen Artikeln nie verhehlt, dass ich von demokratischen sozialistischen Grundpositionen ausgehe.
Mit großem Unbehagen verfolgte ich die Tatsache, dass die beiden anderen Autoren des politblog (der Gründer DaRockwilda und Pony_huetchen) im amerikanischen Vorwahlkampf sich auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron Paul eingeschossen hatten.
Das wichtigste Argument dafür war, dass Ron Paul sich konsequent gegen den Irakkrieg ausgesprochen habe (was richtig ist).
Ich bin traditionell bei Wahlempfehlungen ohnehin sehr zurückhaltend, da es leicht passieren kann, dass das Wahlvolk „seine Stimme abgibt und sie nie wieder zurück bekommt“ (ironisch ausgedrückt). Doch die "eigentümliche" Präferenz für den waffennärrischen Ron Paul wunderte mich doch sehr, zumal doch da auch noch zwei demokratische Kandidaten (Kucinich und Gravel) sich als konsequente Kriegsgegner präsentierten.
Da ich wie schon gesagt Wahlempfehlungen von meiner Seite für nicht so wichtig halte (zumal für eine US – Wahl), beachtete ich den Umstand nicht weiter, dass der politblog geradezu sich zu einem Wahlkampfmedium für Ron Paul entwickelte.
Who the hell is Ron Paul, mögen sich auch viele Leser gefragt haben, die vor allem wegen anderer durchaus hervorragender und wertvoller kritischer Artikel den politblog regelmäßig besuchen.
Der politblog bemühte sich auch, der Leserschaft das Gefühl einer oppositionellen Gemeinschaft zu geben und sie in durchaus interessante politische Kampagnen und Aktionen einzubinden.
Leider muß ich auch zugeben, dass ich ein wenig blauäugig war und kaum bemerkte, dass geradezu scharenweise Kommentatoren sich zu Wort meldeten, deren Auffassung mir zunächst als sehr skurril ins Auge fielen.
Beispielsweise:


Ein freier Markt ist das einzig logische und vernünftige System. Er kann aber nur mit einer allgemein anerkannten Moral funktionieren. ….
Ein freier Markt war auch von den Gründungsvätern der USA vorgesehen, die wussten aber, das er nur mit einer Regierung laufen konnte, alles andere hätte zur Anarchie geführt.
Damals war die Regierung im Grunde nur für die militärischen Fragen zuständig. Es gab noch keine Arbeitsämter, Sozialämter, Alterheime, Rentenversicherungen usw.
Es gab kein Sozialsystem in den USA und es gab noch keinen Sozialismus. Es gab keine Einkommenssteuer !
Dies änderte sich aber spätestens, als die Federal Reserve Bank von Amerika geschaffen wurde. Von da an ging es endgültig bergab
, denn ein Staat mit diesem Geldsystem hat kein anderes Schicksal als wachsen, wachsen , wachsen, wie ein Krebsgeschwür, denn er leidet an Leukämie, wenn man das Geld als das Blut der Wirtschaft versteht.
Ich hoffe Ron Paul wird Präsident. Er gibt allen Leuten, die mit dieser Entwicklung unzufrieden sind, eine Stimme. Vielleicht reißt er sogar Europa mit ? Wer weis ?
Daß er vom Etablishment krampfhaft bekämpft wird, ist ein sehr gutes Zeichen!
Hier gab es noch nie so viel Freiheit wie in den Staaten. Es wird Zeit…

Gewiß gibt es viele politische Meinungen, so sagte ich mir, und das Recht auf Meinungsfreiheit ist auch mir fundamental. Als Autor des politblogs suchte ich durchaus die Diskussion sogar mit sehr extremen politischen Positionen und scheute mich auch nicht vor kritischen Dialogen mit sogenannten „Nazis“ – allerdings ohne meine eigenen Positionen aufzugeben.
Ein wenig anders wurde es mir schon, als ich in Videoclips von Ron Paul – Anhängern den politblog als Teil der „Ron Paul Revolution“ aufgelistet fand, und das zu einem Zeitpunkt, als ich selbst noch in der Autorenliste genannt wurde.
http://www.youtube.com/watch?v=07TVBLFroSM
Das machte mich aufmerksam.
Langer Rede kurzer Sinn: ich tauche auf der Autorenliste nicht mehr auf, sie selbst ist längst spurlos verschwunden und meine Kommentare erscheinen nur noch mit viel Glück.
Mitgeteilt wurde mir offiziell gar nichts, ich bin sozusagen stillschweigend „entsorgt“ worden. Nein, von Zensur spreche ich in diesem Rahmen ausdrücklich nicht, schließlich ist der politblog kein staatliches Organ, sondern ein privater Blog.
Daß unterschiedliche politische Positionen unter den Autoren vorhanden waren und sind, erschien mir selbstverständlich. Ich wunderte mich daher doch ein wenig über meine Abservierung.
Als ich aber begann, über Hintergründe und Wurzeln der „Ron Paul Revolution“ zu recherchieren und zu forschen, wunderte ich mich über gar nichts mehr.
Bei dem Hype um Ron Paul handelt es sich nicht nur um einen Hype der beiden politblog – Autoren (DaRockwilda stärker, Pony_huetchen schwächer), es handelt sich offenkundig auch um eine straff organisierte politische Bewegung, die zwar in Deutschland zahlenmäßig sehr schwach ist und hier vor allem im marktradikalen Flügel der FDP zu verorten ist, aber sehr wohl die Kommentarseiten des politblog zu dominieren vermochte.

Nüchtern betrachtet darf man den politblog unterdessen als ein Propagandamedium dieser Bewegung betrachten, jedenfalls sehe ich das so. Grundsätzlich ist da nichts gegen einzuwenden, dass die beiden Autoren sich für diese politische Ausrichtung entschieden haben und andere Ausrichtungen wie die meine ausgrenzen. Im Einzelfalle entwertet das auch nicht unbedingt den Nachrichtengehalt von Artikeln in diesem Blog.
Aber ich konnte feststellen, dass die meisten politblog – Leser von dieser Bewegung und ihren Grundsätzen und Zielen nicht das geringste wissen.
Es herrscht eine Stimmung vor etwa in der Art „Wenn Ron Paul Präsident wird, dann wird alles besser!“.
Die „Libertären“ und „Anarchokapitalisten“, die vor allem die Kampagne von Ron Paul puschen, haben eine erhebliche Umerziehungsarbeit vor sich, denn ein Großteil der politblog – Leser ist antikapitalistisch gestimmt. Daß die „Ron Paul – Revolution“ aber gerade für einen vollendeten Kapitalismus eintritt, für die Abschaffung des Sozialstaates, für die Abschaffung öffentlicher Dienstleistungen, für marktradikale „Lösungen“, die den sogenannten Neoliberalismus noch in den Schatten stellen, davon ahnen die meisten der Leser gar nichts. Auch nicht davon, dass Ron Paul keineswegs ein „9/11-Truther“ ist, und schon gar kein grundsätzlicher Kriegsgegner, und natürlich auch nichts von der Feindseligkeit dieser Bewegung gegenüber Arbeitsmigranten, Homosexuellen, Abtreibungen und jeglichen Minderheitenrechten.

Daher möchte ich in meinen nächsten Artikeln Hintergründe, Programm und Ideologie dieser Bewegung darstellen. Es hilft aus meiner Sicht nichts, entweder diese Bewegung schönzureden oder umgekehrt sie mit relativ nichtssagenden Floskeln wie „rechtsextrem“ oder gar „faschistisch“ zu titulieren.
Mir geht es darum, diese Bewegung, deren Auffassungen in ausdrücklich nicht teile(ausgenommen den sofortigen Abzug der US - Truppen aus dem Irak), zumindest insoweit korrekt darzustellen, dass sich jeder Leser ein eigenes Bild machen kann.

Mit dieser Artikelserie in mehreren Teilen schließe ich meine Tätigkeit für den politblog endgültig ab und werde nach Möglichkeiten suchen, mich in ein vergleichbares Blog – Projekt einzubringen (natürlich eines, das mich politisch akzeptieren kann). Ansatz und Konzeption des politblogs finde ich nämlich nach wie vor bemerkenswert und vorbildlich. Innerhalb eines Jahres schaffte es dieser Blog, mit einer wahrlich sehr dünnen Personaldecke, seine Leserschaft von wenigen hundert auf mehrere tausend pro Tag zu steigern. Diese Tatsache ist auch ein Ausdruck für erwachendes politisches Bewusstsein bei tausenden von Menschen und einem gesunden Misstrauen gegenüber den etablierten und durchaus auf politische Linien eingeschworene Massenmedien.

Insofern war diese Zeit für mich nicht verloren.

Sonntag, 9. Dezember 2007

Warum ich nicht mehr für den Politblog schreibe

Diesen Kommentar schrieb ich in einem Thread des Politblog zum Thema Ron Paul (republikanischer Präsidentschaftskandidat in den USA)


Es ist eine Sache, die Tatsache zu begrüßen, daß es unter den Kandidaten der Dem und Reps in den USA auch welche gibt, die sich entschieden gegen den Irak - Krieg aussprechen.
Es ist sicherlich auch richtig, die Totschweigestrategie der Massenmedien zu Paul, Kucinich und Gravel anzuprangern.
Aber eine ganz andere Sache ist es, einen dieser Kandidaten geradezu blindwütig zu verherrlichen und eine Art Pseudowahlkampf für ihn zu machen. Und genau das ist geschehen. Obwohl ich ganz und gar nicht die Position von Tammox teile, Clinton als kleineres Übel zu unterstützen (weil sonst die Stimme einfach futsch wäre), hat er einige Dinge gesagt, die zum Nachdenken anregen sollten.
Ich habe mich bisher in diesem Thread sehr zurückgehalten, aber ich bin auch entsetzt über die ausgesprochen polemische und bösartige Weise, in der hier diskutiert wurde (ich drücke mich vorsichtig aus).
Glaubt denn wirklich jemand im Ernst, es ginge hier darum, um Wählerstimmen für die US-Wahl zu kämpfen?

Ich habe unterdessen nach der Herkunft von Stichwörtern wie "la Raza", "Plan of San Diego" und "Reconquista" gefahndet.
Im Ernst, Leute, wenn ihr rassistische Geschichtslegenden nach Art der Protokolle der Weisen von Zion wirklich weiter kolportieren wollt, dann macht nur so weiter.
Und wer sich eine Vorstellung davon machen möchte, was manche Leute unter dem Gegenteil von "Offenen Grenzen" vorstellen, der schaue mal hier nach. Wie sieht dann wohl erst eine "geschlossene Grenze" nach Vorstellung der Paulikaner aus? Auch über das Stichwort NAU wäre einiges zu sagen.
Und was "Migranten" angeht, so scheint es sich dabei in der Vorstellungswelt gewisser Kommentatoren um eine besonders heimtückische Art von Ratten zu handeln (tut mir leid).
Und wer glaubt, daß amerikanische Arbeiter keine anderen Sorgen haben als die Abschaffung der Einkommenssteuer (statt ihrem Reallohn), der soll sich nicht wundern, wenn tatsächlich das MIK - Liebchen Clinton von diesen Arbeitern gewählt wird.
Und wer unbedingt in Ron Paul den Menschheitsretter erblicken will, der soll zuvor vielleicht noch unter den Stichworten "Anarcho - Kapitalismus", "Objektivismus" und "Libertarismus" nachschlagen und sich fragen, ob sie/er das wirklich will. Es handelt sich durchaus um reale politische Strömungen, die erklärtermaßen hinter der Kandidatur Ron Pauls stehen.
Und was diese Waffenfrage angeht, so würden mir im Moment eigentlich nur satirische Äußerungen einfallen, so entsetzt bin ich.
Ich habe mit derartigen Konzeptionen jedenfalls nichts am Hut, schon gar nicht, sie etwa gar verschreckt anzunehmen, weil angeblich sonst der bushistisch/clintonische Weltuntergang droht (Ironie).
Nun, gewiß, es steht ja jedem frei, da Position zu beziehen.
Aber es handelt sich um politische Strömungen, die hier in einer aggressiven (und nicht offenen ) Art und Weise "Wer nicht dafür ist, der ist für Bush/MIK" verfochten werden, die schon nur noch als (demagogischer) Wahlkampf im schlechtesten Sinne bezeichnet werden kann.
Ich für meinen Teil habe der Entwicklung lange (und sehr zögernd) genug zugesehen und möchte mich hiermit als Autor definitiv verabschieden. Ich ging, als ich für den Politblog zu schreiben begann, ganz und gar nicht von einer politischen Stromlinienförmigkeit aus. Verschiedene politische Strömungen und der Diskurs zwischen ihnen muß sein.
Ich bin Sozialist und ich stehe dazu. Ich habe mich stets bemüht, mit Menschen anderer politischer Überzeugungen (sofern es keine bezahlten Trolle sind, die gibt es leider auch) einen Diskurs zu suchen, der es möglich macht, sie ggfs. zu überzeugen oder etwa auch gemeinsame Standpunkte zu entwickeln, und nicht, sie mundtot zu machen.
Aber hier scheint es nur noch darum zu gehen, die (aus meiner Sicht vollkommen irrsinnige) Formel
"Freiheit statt Sozialstaat, Migranten und Irakkrieg"
zu propagieren und jeden Zweifel an dieser Formel in die Kiste "MSM-gesteuert"/ für den MIK etc. zu stecken.
Not my cup of tea (Chomsky).


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Glossar
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La Raza = ursprünglich verächtliche Bezeichnung für die ("fremdrassigen") Latinos / Chicanos, von manchen als Selbstbezeichnung angeommen (so wie sich viele Afroamerikaner selbst als "Nigger" bezeichnen)
MIK = Militärindustrieller Komplex
NAU = "Nordamerikanische Union", angeblich heimtückischer Plan von Bush und anderen, Kanada, USA und Mexiko zu einer Union zusammenzuschließen. Schreckbild für alle US- Bürger, die Angst haben, von "illegalen Migranten" (Latinos) "überfremdet zu werden.
Plan von San Diego = angeblicher Geheimplan "der Latinos" aus dem Jahr 1910, alle angelsächsichen Männer abzuschlachten. Eine Verschwörungslegende von ähnlicher Haltbarkeit wie die Protokolle der Weisen von Zion.
Reconquista = angeblicher Geheimplan "der Latinos", den gesamten Südwesten der USA wieder Mexiko anzuschließen, wohin diese Gebiete ursprünglich (vor 1850) gehören.

Nemeticos Politblog

Nemeticos unausrottbarer Politblog seit der Stilllegung auf myblog.de auf Veranlassung von "unbekannter" Seite Dezember 2008, kurz vor Beginn des Gaza - Massakers

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